Worte die nie vergessen gehe. 2 Kapitel Seite 31


Der Mangel an „Nationalstolz“

Wie oft fährt nicht unser Bürgertum in aller moralischen Entrüstung empor, wenn es aus dem Munde irgendeines jämmerlichen Landstreichers die Äußerung vernimmt, daß es sich ihm gleich bleibe, Deutscher zu sein oder auch nicht, daß er sich überall gleich wohl fühle, sofern er nur sein nötiges Auskommen habe. Dieser Mangel an „Nationalstolz“ wird dann auf das tiefste beklagt und dem Abscheu vor einer solchen Gesin-nung kräftig Ausdruck gegeben. Wie viele haben sich aber schon die Frage vorgelegt, was denn nun eigentlich bei ihnen selber die Ursache ihrer besseren Gesinnung bildet?
Wie viele begreifen denn die Unzahl einzelner Erinne-rungen an die Größe des Vaterlandes, der Nation, auf allen Gebieten des kulturellen und künstlerischen Lebens, die ihnen als Sammelergebnis eben den berechtigten Stolz vermitteln, Angehörige eines so begnadeten Volkes sein zu dürfen?
Wie viele ahnen denn, wie sehr der Stolz auf das Vater-land abhängig ist von der Kenntnis der Größe desselben auf allen diesen Gebieten?
Denken nun unsere bürgerlichen Kreise darüber nach, in welch lächerlichem Umfange diese Voraussetzung zum Stolz auf das Vaterland dem „Volke“ vermittelt wird? Man rede sich nicht darauf hinaus, daß in „anderen Ländern dies ja auch nicht anders“ sei, der Arbeiter dort aber „dennoch“ zu seinem Volkstum stände. Selbst wenn dies so wäre, würde es nicht zur Entschuldigung eigener Versäumnisse dienen können. Es ist aber nicht so. Denn was wir immer mit einer „chauvinistischen“ Erziehung z.B. des französischen Volkes bezeichnen, ist doch nichts anderes, als das übermäßige Herausheben der Größe Frankreichs auf allen Gebieten der Kultur, oder wie der Franzose zu sagen pflegt, der „Zivilisation“. Der junge Franzose wird eben nicht zur Objektivität erzogen, sondern zur subjektivsten Ansicht, die man sich nur denken kann, soferne es sich um die Bedeutung der politischen oder kulturellen Größe seines Vaterlandes handelt.

Advertisements